Neugierig bleiben!

Nachruf auf Arthur Fischer (1942 – 2021)

Arthur Fischer. Foto:E. Theisen

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Methodiker und Lehrer: Subjektorientierte Befragungsinstrumente als qualitativer Standard

Er war klug und warmherzig als Freund und zugleich unbequem und unbestechlich in Fach- und Qualitätsfragen. Immer kam es ihm auf die Güte von Ergebnissen an. Denn gute Forschung erkannte er nicht an großen Fallzahlen oder dicken Budgets, sondern an ihrer Relevanz und prognostischen Kraft. Dabei sah Fischer die Menschen immer als Subjekte an und nie als Untersuchungsgegenstände. Sein Mantra: Die Fragestellung bestimmt die Methode, nicht umgekehrt! Er hasste es, wenn die Fragen des Auftraggebers einfach an den Befragten „exekutiert“ wurden. Ihn interessierte immer die Zielgruppe selbst und nicht das, was anderen an der Zielgruppe interessant erschien. Die Menschen sollten bei Befragungen die Inhalte wesentlich mitbestimmen können. Dieser subjektorientierte Forschungsansatz setzte neue Standards in der Markt- und Sozialforschung.

Zahllose akademische Arbeiten, Bücher und Forschungsprojekte wären ohne Arthur Fischer nicht zustande gekommen. Er war ein passionierter Lehrer und ein begnadeter dazu: Heerscharen von Studierenden wurden von ihm in über 50 Jahren u.a. in Frankfurt, Berlin und Trier in die Grundlagen der empirischen Forschung eingeführt und lernten von ihm, sich keinen Gewissheiten hinzugeben. Und auch, dass Statistik eine Denkweise ist.

Forscher: Konzeptentwicklung Shell Jugendstudien – „Ich nähere mich der Jugend ethnologisch wie einem fremden Stamm“

Fischer entwickelte einen neuen Zugang zu den Jugendlichen, der sie als Subjekte ihrer eigenen gesellschaftlichen Lebenspraxis ernst nahm. Wie viele andere Jugendstudien auch nahmen die älteren Shell Jugendstudien von 1953 bis 1978 vorwiegend die Integrationsbereitschaft der Jugendlichen in den Blick und thematisierten ihre Anpassungsprobleme an eine plurale Gesellschaft. Im Rückblick wurden diese Studien deshalb gerne als „Integrationsbilanz-Studien“ bezeichnet. In Abkehr davon versuchte die 9. Shell Jugendstudie 1981, die erste, für die Fischer und Zinnecker Verantwortung trugen, eine Analyse des subjektiven Blicks der Jugendlichen selbst („wie sehen die Jugendlichen die Gesellschaft“). Dieser „subjektiven Wende“ lag eine Neubewertung der sog. „Jugendkulturen“ zugrunde. Sie wurden nicht mehr als „Sub-Kulturen“ begriffen, die den Standards und Regulationen der „Normal-Kultur“ nicht genügten, sondern als eigenständige Lebenspraxis in der Auseinandersetzung mit den vorgefundenen gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Methodisch innovativ wurden non-direktive Vorgespräche, explorative Interviews, biografische Porträts und Selbstzeugnisse Jugendlicher mit quantitativen Erhebungen kombiniert. In 5 aufeinander folgenden Shell Jugendstudien, von der 9. bis zur 13. Erhebung, hat Fischer diesen Ansatz weiterentwickelt und elaboriert.

Praktiker: Bundesweite Befragung von jungen Menschen zum Nutzungsverhalten von Angeboten der Jugendverbände am Beispiel der Evangelischen Jugend

Die aej überzeugte er vom subjektorientierten Ansatz und setzte ihn in der bundesweiten Befragung von jungen Menschen zum Nutzungsverhalten von Angeboten der Jugendverbände am Beispiel der Evangelischen Jugend um. In dieser bis heute umfangreichsten Jugendverbandsstudie Europas initiierte er in der Forschung wie in der Praxis des Verbands einen intensiven Prozess der Auseinandersetzung mit den subjektiven Nutzungsweisen der Angebote und Bedeutungszuweisungen durch die jungen Menschen. Mit Hilfe von etwa 30 „Regionalstudien“ wurde die Vielfalt vor Ort ausgeleuchtet und Erkenntnisprozesse bei den Beteiligten angestoßen.  Arthur Fischer hat dabei die beteiligten Verantwortlichen der Evangelischen Jugend immer wieder aufs Neue herausgefordert: bleibt neugierig – auf die jungen Menschen und ihre subjektiven Sichtweisen!

Engagierter Begleiter: Sichtweisen von (jungen) Menschen verstehen lernen

Er war sich nicht zu schade, in die entlegensten Winkel Deutschlands und der Evangelischen Jugend zu fahren, um Fachkräfte, Ehrenamtliche und regional Verantwortliche zu begleiten, sie zu qualifizieren und sie auf den konzeptionellen Kern auszurichten: die jungen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Berühmt wurden dabei seine Einführungen in die Forschungsbefunde – was sie aussagen und was man mit ihnen auf keinen Fall belegen kann. Er forderte unnachgiebig heraus, sich von den Befunden irritieren zu lassen – sehr häufig in langen Gesprächen bis tief in die Nacht. Bei allen Beteiligten der Evangelischen Jugend genoss Arthur Fischer hohe Anerkennung, weil er fachlich nicht zu korrumpieren war und sich mit aller Energie für die Umsetzung der gemeinsam erkämpften Ziele engagierte. Über eineinhalb Jahrzehnte ist eine vertrauensvolle und kreative Verbindung zur aej gewachsen. Arthur Fischer begleitete und qualifizierte die aej in unterschiedlichen fachlichen Fragen – von einer realitätsnahen Statistik bis zu den EKD-Jugendberichten.

Mit Arthur Fischer verliert nicht nur die Sozial- und Jugendforschung, sondern die aej und die gesamte Jugend- und Jugendverbandsarbeit einen engagierten, kritischen und ungemein hilfreichen Geist. Er verstarb am 21. Januar 2021 in Frankfurt.

Mike Corsa
Yvonne Fritzsche-Sterr
Richard Münchmeier
Katrin Valentin

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